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Reviews World 07-12

* soundtrack * crossover * pop/rock * catalog * jazz * electro * world * audiobook *

 Prince Fatty presents Hollie Cook In Dub / Bibi Tanga - 40 Degrees of Sunshine
 
 Mr. Bongo / Indigo * Rykodisc / Warner TIPP!
 
 
 
Dub-Afficcionados aufgepasst - Hollie in a rub a dub-style: Der englische Reggae-Produzent Prince Fatty sorgt rechtzeitig zur Festival-Saison für Nachschub für alle, die auf das tolle Tropical-Pop Debütalbum der derzeit allseits schwer begehrten Tochter von Sex-Pistols-Schlagzeugers Paul Cook aufmerksam geworden sind. Miss Cooks Vocals harmonieren aber auch zu schön mit den schwer verhallten Sounds aus Fatty Pelanconis Dub-Zauberkasten. Auf diese Weise erklingen hier Oldies der Andrews Sisters, ein Disco-Heuler der Whispers oder "Walking In The Sand" der Shangri-La´s als live im Studio gemischte Versions á la King Tubby & Co. Der gewisse 4/4-Groove - sehr lässig - hoher Gebrauchswert. Watch this space: Festivalauftritte, u.a. in Deutschland beim Kölner Summer Jam und beim Chiemsee Reggae sind angekündigt.
www.mrbongo.com http://holliecook.com

Bibi Tanga & The Selenites haben im Vergleich zum Vorgänger "Dunya" noch einmal eine Schippe Afro-Funk ´n Soul-Groove draufgelegt, ohne das Wildern in allzuvielen Stilen ganz lassen zu können. "40 Degrees Of Sunshine" wurde nach einer zweimonatigen Afrika-Tour "durch 12 heiße Länder" aufgenommen, dementsprechend feurig und eingespielt kommt das Kollektiv trotz der nächtlichen Aufnahmezeit der Sessions zur Sache. Die Oberaufsicht lag erneut beim langjährigen Bibi Tanga-Kollaborateur und Studio-Wizzard Professeur Inlassable. Gesungen wird in Englisch, Französisch und Sango, der Sprache der Vorfahren BTs. Erstmals mit am Mikro Sängerin Emma Lamadji, ebenfalls aus der Zentralafrikanischen Republik, neben den bewährten (multiethnisch durchmischten) Kräften Arthur Simonini (vl, keyb), Rico Kerridge (git), Arnaud Biscay (dr). www.bibitanga.com









 
 
 Boom Pam - Alakazam
 
 Audio Montage / Groove Attack
 
 
 
Sowohl das Boom Pams gleichnamiges Debut als auch der Nachfolger Puerto Rican Nights wurden an dieser Stelle bereits gewürdigt. Mit ihrem dritten Studioalbum sind die Polka-Surfer um Yuval "Tuby" Zolotov "Alakazam" zum Trio geschrumpft, halten aber an ihrem partykompatiblen mediterranen Mix aus Nahost, Balkan, Rock & Surf fest. Gitarre, Tuba und Schlagzeug sowie vermehrt auch Tubys und Uri Brauner Kinrots Vocals - mehr braucht es nicht, um auf israelischen Hochzeitsgesellschaften landauf landab sowie mittlerweile ungezählten europäischen Konzert-Venues Stimmung zu verbreiten. Im bunt-trashigen Digipak warten diesmal eine "Abracadabra"-Coverversion (Album-Opener & Title Track "Alakazam"), die bekannt schmnissigen Surf-Instrumentas mit dem gewissen Tel-Aviv-Twist und sogar nahöstlich angehauchter Pop incl. Vocoder-Einsatz www.boompam.org
 

 
 
 Radio Beirut
 
 Various Artists - Galileo MC
 
 
 
Beirut ist aufgrund seiner Nähe zu diversen Brennpunkten der Region noch nicht wieder da, wo es in goldenen "Paris des Ostens"-Jahren einst in Sachen kultureller Bedeutung gestanden haben mag. Doch in der Populärmusik-Szene regt sich wieder so Einiges. Das machte schon der Outhere-Sampler "Golden Beirut" mit rauheren Gitarren- und Wave-Klängen deutlich. Eine etwas ruhigere Bestandsaufnahme bietet nun "Radio Beirut" - mit mal elektro-poppigen, mal latin-jazzigen, mal arabisch angehauchten Klängen, die so auch vor Ort aus den ständig neu öffnenden alternativen Restaurants und Bars der libanesischen Hauptstadt schwappen könnte. Eine neue Generation von Bands, Singer-Songwriter und ambitionierte Vokalisten machen abseits des (nicht nur in Beirut) um sich greifenden Eurodance-Unwesens mit "sounds from the 21st century" auf sich aufmerksam.
 

 
 
 Gal Costa - Recanto Gal / Maria Bethania - Oasis De Bethania
 
 Wrasse / Harmonia Mundi * Discmedi / Galileo MC
 
 
 
Gal Costa, Brasiliens ewige Tropicalismo-Diva, überrascht zusammen mit ihrem ebenso bekannten Songschreiber-Partner Caetano Veloso auf "Recanto Gal" mit einem ausgesprochen elektronischen Psychedelic-Sound. Der ungewohnte, oft gar knarzig-experimentelle Klangmantel umhüllt bis auf den Hit des Albums, den melodischen Uptempo-Track "Neguinho", meist eher Stücke in verschlepptem Tempo - und durchaus kritische Texte über "tristeza", Religion und Bedrohung durch die Militärdiktatur bis hin zum ironisch gehaltenen "Sexo E Dinheiro". Música Popular Brasileira einmal anders, nach Eingewöhnungszeit nicht uninteressant. Play Tracks 5,10.
www.galcosta.com.br/
Auf das aktuelle Livealbum Caetano Velosos mit zwei weiteren MPB-Stars, Ivete Sangalo und Gilberto Gil, sei an dieser Stelle ebenfalls hingewiesen.
Gal Costas fast gleich alte und ebenso bedeutende Kollegin und Weggefährtin Maria Bethânia prägt ebenfalls bereits seit den 60er Jahren die brasilianische Musik. Die wandelbare Chanteuse probiert auf ihrem neuen Album nicht stilistisch wie das DuoCosta/Veloso, aber vom Songmaterial her etwas Neues aus. "Oásis de Bethânia" besteht ausschließlich aus Cover-Versionen von Songs ihrer MPB-Lieblingsinterpreten wie Chico Buarque, Jata Velloso, Roque Ferreira, Djavan und einigen anderen. Für jeden Song wurde auch ein Gast für das jeweilige neue Arrangement eingeladen, so naheligenderweise Djavan Caetano Viana höchstselbst bei seinem Song "Vive" . Ein ruhiges Album, eher für den harten Fankern. "Bethanews" & mehr unter: www.mariabethania.com/
 


 
 
 NOApolis - Noa Sings Napoli
 
 Egea / Galileo MC
 
 
 
Die israelische Sängerin Achinoam Nini aka Noa hat sich ohne Zweifel Verdienste als profilierter Konzertprofi auf den internationalen Bühen erworben. Mit Lebenspartner und Produzent Gil Dor ist sie aus der musikalischen Landschaft des nahen Ostens nicht wegzudenken. Auch die Beziehung der Künstlerin zu Italien ist durch zahlreiche Auftritte gefestigt, bei denen gern einmal im weiteren oder engeren Sinne Repertoire des Gastgeberlandes eingestreut wurde. So gab Noa einst gar Johannes Paul II ein umjubeltes Ave Maria -Ständchen im Vatikan oder sang die Titelmelodie von Roberto Begnini's Film-Klassiker "La Vita E Bella". Für ihr Projekt "Napoli - Tel Aviv" übersetzte Gil Dor neapolitanische Lieder ins Hebräische. Nun veröffentlicht das Paar mit "Noapolis" ein ganzes Album mit neapolitanischen Klassikern wie "Torna A Sorriento" - diesmal aber im neapolitanischen Dialekt. Was manchem, der die Originale, beispielsweise in den 60ern auch von Morricone arrangiert, in Erinnerung hat, nicht uneingeschränkt gefallen dürfte. Bei allem Respekt, diesmal kommt hier überwiegend Crossover der gewöhnungsbedürftigen Art heraus. www.noamusic.com  

 
 
 Songs For Desert Refugees / African Blues
 
 Various Artists - Glitterhouse * Putumayo / Indigo  
 
 
Aus aktuellem, wenn auch wenig erfreulichen Anlass erscheint diese Kopplung mit Musik der Touareg. Die Geschichte des Nomadenvolkes im Staatsgebilde Mali in den letzten 50 Jahren ist von immer wieder kriegsähnlichen Zuständen geprägt - mit dem bisherigen Tiefpunkt des Konflikts zwischen malischer Zentralregierung und dem militanten National Movement for the Liberation of Azawad (NMLA), noch getoppt vom Militärputsch in Bamako 2012. Hunderttausende Touareg, Songhoi oder Peulh flüchteten nach Niger, Algerien, Mauretanien oder Burkina Faso. Die vorliegende Kopplung mit teils unveröffentlichten Stücken der ohne Entgelt agierenden Bands & Künstler Tinariwen, Tamikrest, Terakaft, Tartit (aus Mali), Bombino, Toumast, Etran Finatawa (aus Niger) oder Nabil Baly Othmani, Faris (aus Algerien) sammelt für zwei französische Hilfsorganisationen, die im Norden Malis für die Flüchtlinge arbeiten: Tamoudré und ETAR.
Spenden unter: www.tamoudre.org/desertrefugees oder
www.associationetar.blogspot.com

Stilistisch großteils dazu passend auch der solide ausgefallene Putumayo-Sampler zum afrikanischen Blues. Der so offensichtlichen und vielbeackerten Verbindung zwischen afrikanischen Wüstenklängen und den schmerzensreichen Geschichten aus dem Mississippi-Delta lassen sich offensichtlich immer noch interessante Aspekte abgewinnen. Thema ist hier also die Rückkehr des Blues in seine afrikanische Heimat. Ersten stetigeren Beziehungen zwischen west- bzw. ostafrikanischen Musikern einerseits, sowie Performern aus den USA & Europa andererseits wird entsprechender Raum gegeben: Taj Mahal trifft auf den Culture Musical Club of Zanzibar, Issa Babayogo liefert einen der drei Beiträge aus dem gegenwärtig gebeutelten Mali, die Playing for Change Band hat hier gleichzeitig die Wüstenrocker Tinariwen und Keb Mo zu Gast. www.putumayo.com/african-blues
 








 
 
 Sierra Leone´s Refugee All Stars - Radio Salone /
Strom & Wasser feat. The Refugees
 
 Cumbancha - Exil * Traumton / beide: Indigo
 
 
 
Und noch zwei Mal Flüchtlingsproblematik: Zunächst das neue Album der auch an dieser Stelle bereits vorgestelten Sierra Leone Refugee Allstars, aufgenommen fern der Heimat (in Brooklyn) und & produziert von Soul-Experte Victor Axelrod aka Ticklah. Die während des Bürgerkriegs in Sierra Leone (1991-2002) geflohenen Musiker kehrten bereits für ihr erstes Album "Living Like A Refugee" nach Beendigung des Krieges nach Freetown zurück, "Rise And Shine" setzte die erfolgreiche musikalische Vergangenheitsbewältigung fort und wurde gar die Nr. 1 der europäischen World Music Charts. Auf dem dritten, in ein attraktives Digipak verpackten Album "Radio Salone" spielen insbesondere Reggae und Afro-Beat eine stärkere Rolle. Die Refugees spielen mittlerweile ganz offensichtlich nicht mehr für Freetown sondern für ein vornehmlich weißes, vor allem in den USA enthusiastisches Publikum.

Auch die Polit-Rock-Band um Heinz Ratz bietet aktuell Flüchtlingen eine Bühne - und zwar motiviert durch Besuche und Konzerte in fast 80 deutschen Flüchtlingslagern. Rechtssprechung, hygienische Verhältnissen und unzureichende medizinische Versorgung setzen den Menschen dort zu. Das Projekt, Musiker aus diesen Lagern zu gemeinsamen Aufnahmen nach Hamburg einzuladen war für Musiker und Asylbewerber mit Schwierigkeiten verbunden. Nun versammelt das Album trotz alledem kritische Songs von Künstlern aus Elfenbeinküste, Gambia, Somalia, dem Iran und Russland. Das von verschiedenen Flüchtlingsorganisationen unterstütztes Projekt, musikalisch heterogen wie seine Teilnehmer, geht im Juni und Juli in Deutschland auf Tournee. www.strom-wasser.de
 




 
 
 Kottarashky and the Raindogs - Demoni
 
 Asphalt Tango / Indigo  
 
 
Der bulgarische Architekt(!) und Soundtüftler "Kater" Kottarashky aka Nikola Gruev dürfte einigen Balkan-Fans noch von seinem ersten Album "Opa Hey!" aus dem Jahr 2009 in guter Erinnerung sein. Es dauerte etwas, bis sich für eine Live-Umsetzung von Gruevs mannigfaltigen Ideen mit den Rain Dogs die richtigen Mitstreiter gefunden hatten, zuvorderst Hristo Hadzhiganchev (Keyboard, Gitarre, Gesang). Als Gastsängerin ist außerdem Tui Mamaki, Sängerin & Komponistin der Band The Amazing Mamaku Projekt aus Neuseeland zu hören. Klarinette, Gitarre, Bass und Schlagzeug vervollständigen den lebendigen Livesound von "Demoni" - eine Mischung aus traditioneller Balkan-Musik, Soul und Rock und Gruevs reichhaltigem Samplefundus. Interessanterweise ist hier nur ein Track von "Opa Hey" dabei - das heißt: 11mal neues Futter für die Kater-Fans.
 

 
 
 Fela Kuti - Fela Live In Detroit 1986 - Angélique Kidjo - Spirit Rising
 
 Strut / Alive * Sbme - Spirit & Razor Entertainment
 
 
 
Und noch zweimal Liveprogramm.
Das Phänomen Fela Kuti erschließt sich wohl am besten über eine Liveperformance. "Live In Detroit 1986" exhumiert den 1997 von uns gegangenen nigerianischen King of Afrobeat für ein historisches Bootleg-Ton-Dokument. Der Opener "Just Like That" mit seinem polyrhythmischen Groove, seinen dynamischen Bläserbreaks und den repetitiven Background-Chants nimmt in der Tat über fast eine halbe Stunde gefangen. Auf dem folgenden Track erfährt man aber auch ungeschönt, dass Felas Keyboarder in Sachen Orgel einen weniger starken Tag erwischt hatte. In gewissem Sinne fast passend zum Songthema: "Confusion Break Bones".
www.felaproject.net

Gerade war sie mal wieder in Deutschland, auf dem Würzburger Africa-Festival. Angelique Kidjo veröffentlicht aktuell zu ihren Touraktivitäten auch ihr erstes Live-Album, "Spirit Rising", das mit seinen 16 Tracks, Gästen wie Josh Groban, Dianne Reeves, Branford Marsalis, Richard Bona oder Ezra Koenig (von Vampire Weekend) dennoch enttäuscht. Die stimmgewaltige Diva aus Benin nimmt sich u.a. Repertoire von Curtis Mayfield ("Move On Up") oder Bob Marley ("Redemption Song") vor, übertreibt aber einfallslose Phrasierungen und belebt zu oft "Mama Africa"-Klischees. Da kann auch ihr Hit "Agolo" am Gesamteindruck wenig korrigieren. Schade drum.
www.kidjo.com/
 



 
 
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